Inklusion

Auszug aus dem Schulprogramm von 2012, Seite 27 bis 29:

1.  Auf dem Weg zu einer inklusiven Grundschule

 „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen…“ (Netzwerk Artikel 3 für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter e.V.: netzwerk-artikel-3.de; darin: netzwerk-artikel-3.de: Schattenübersetzung, Artikel 24)

In einer inklusiven Schule, in der Kinder aller Begabungsrichtungen bestmöglich gefördert werden, dürften spezielle Konzepte für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf (Hochbegabte; Kinder mit besonderen Problemen im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen) der Vergangenheit angehören – zumindest aber müssen sie in Beziehung zu den Vorgaben der UN-Konvention gesetzt werden. Deshalb werden hier die wichtigsten Aussagen aus den bisherigen Konzepten zur Förderung von Kindern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen sowie von hochbegabten Kindern unter der Überschrift Inklusion dargestellt. Vorher wird die Frage erörtert, welche Elemente des Flexiblen Schulanfangs sich auf das Konzept einer inklusiven Schule übertragen lassen.

1.1  Flexibler Schulanfang als Basis einer inklusiven Schule – eine  Vision?      

Der Modellversuch zur pädagogischen und strukturellen Neukonzeption des Schulanfangs (1993 bis 1998), an dem die Grundschule Salzböden mit vier weiteren hessischen Grundschulen teilnahm, stand in engem Zusammenhang mit Bemühungen, behinderte Kinder in der Regelschule zu fördern. Damals argumentierten die Initiatoren des Modellversuchs:

Wenn es möglich sei, behinderte und nichtbehinderte Kinder in der Grundschule gemeinsam zu unterrichten, dann müsste es doch auch gelingen, nicht schulreife Kinder in der Grundschule zu fördern.

Ziel des Modellversuchs war es daher, Konzepte für eine integrative Förderung potentieller Vorklassenkinder zu entwickeln. Als am erfolgreichsten erwies sich wissenschaftlichen Begleituntersuchungen zufolge das Konzept der jahrgangsüber-greifenden Schuleingangsstufe, das 1994 an den Grundschulen in Salzböden und Arolsen entwickelt wurde – und das nach einer weiteren Erprobungsphase 2005 als Flexibler Schulanfang in das hessische Schulgesetz aufgenommen wurde.

Fast zwanzig Jahre später lässt sich im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um Inklusion die ursprüngliche Argumentation für die Einrichtung des Modellversuchs umkehren:

Wenn potentielle Vorklassenkinder von dem Konzept des Flexiblen Schulanfangs profitieren – wäre dann nicht ein entsprechendes Konzept für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf geeignet?

Der wesentliche Unterschied zwischen Gemeinsamem Unterricht und Flexiblem Schulanfang ist zur Zeit folgender: Im Gemeinsamen Unterricht erfolgt die Zuweisung auf der Grundlage eines festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarfs für ein einzelnes Kind, wobei sich der Umfang der Förderstunden nach dem Grad der Behinderung bzw. nach den vom Kultusministerium für Gemeinsamen Unterricht zur Verfügung gestellten Lehrerstunden richtet.

Schulen mit Flexiblem Schulanfang erhalten dagegen eine systemische Zuweisung (6 Wochenstunden pro Klasse).

Die bisherige Form der Zuweisung von sonderpädagogischen Förderstunden für Gemeinsamen Unterricht hat sich als wenig sinnvoll erwiesen. Denn in den letzten Jahren wurde die Anzahl der Förderstunden für die einzelnen Kinder im Gemeinsamen Unterricht immer weiter reduziert, da die Gesamtzahl der Lehrerstunden für Gemeinsamen Unterricht trotz erheblich gestiegener Schülerzahlen nicht erhöht wurde. Leider wurde bisher versäumt, die Zuweisungsregelung zu ändern. Jetzt sollen Förderausschüsse – bestehend aus der Förderschullehrkraft des Beratungs- und Förderzentrums, der Schulleitung der Grundschule, einer Grundschullehrkraft und den Eltern des betreffenden Kindes – für  die einzelnen Kinder festlegen, ob und in welchem Umfang ein Anspruch auf sonderpädagogischen Förderbedarf besteht. Dabei darf der Umfang von vier Wochenstunden nicht überschritten werden. Außerdem dürfen nicht mehr als die sonderpädagogischen Förderstunden vergeben werden, die der Schule für das folgende Schuljahr zugewiesen wurden. An unserer Schule wurde – wie an vielen anderen – die Anzahl der sonderpädagogischen Förderstunden gegenüber dem Vorjahr sogar reduziert. Das führt dazu, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an die Förderschulen überwiesen werden – was der UN-Konvention widerspricht.

Nach diesen Erfahrungen erscheint eine systemische Zuweisung von sonderpädagogischen Förderstunden wichtigste Voraussetzung für ein Gelingen von Inklusion zu sein.

 

Welche Elemente des Flexiblen Schulanfangs lassen sich mit den Vorgaben für inklusive Schulen verknüpfen, wie sie in der UN-Konvention formuliert werden? Dazu sollen zunächst die wesentlichen Elemente des Flexiblen Schulanfangs aufgeführt werden:

  •  Verzicht auf jegliche Form von Etikettierung

Im Flexiblen Schulanfang werden alle Kinder ohne Überprüfung der Schulfähigkeit aufgenommen, das heißt: Kinder werden nicht als Vorklassenkinder bzw. als Kinder mit sozialpädagogischem Förderbedarf etikettiert.

  • Sozialpädagogische Förderung für alle Kinder

Die sozialpädagogische Förderung kommt uneingeschränkt allen Kindern in den jahrgangsgemischten Eingangsklassen zugute.

  • Fördermaßnahmen ohne vorherige bürokratische, für Kind und Eltern beschämende Entscheidungsprozesse

Die Lehrkräfte einer Eingangsklasse entscheiden gemeinsam mit der Sozialpädagogin, welches Kind zusätzliche Förderung erhält; die Dauer ist flexibel und wird immer wieder neu festgelegt.

  • Arbeit in multiprofessionellen Teams

Die Sozialpädagogin arbeitet als Mitglied des Kollegiums in den Teams der Eingangsklassen mit.

Die Elemente des Flexiblen Schulanfangs entsprechen also den Grundsätzen einer inklusiven Beschulung, wie sie in der UN-Konvention formuliert werden; sie lassen sich problemlos auf ein Konzept einer inklusiven Schule übertragen, wenn man in der oben genannten Auflistung die Begriffe „sozialpädagogisch“ bzw. „Sozialpädagogin“ durch „sonderpädagogisch“ bzw. „Förderschullehrkraft“ ersetzen. Das bedeutet:

  • In jeder Klasse arbeitet eine Förderschullehrkraft mit; diese ist Mitglied des Kollegiums.
  • Es gibt kein wie auch immer zusammengesetztes Gremium zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf.
  • Die Lehrkräfte einer Klasse entscheiden gemeinsam mit der Förderschullehrkraft, welche Schulkinder in welchem Umfang gefördert werden.

Ganz offensichtlich kollidieren unsere Vorstellungen für eine inklusive Schule mit den aktuellen Vorgaben des hessischen Schulgesetzes vom 21.11.2011 (§ 49 Abs. 2: Anspruch auf sonderpädagogische Förderung) und dem Entwurf der Verordnung über Unterricht, Erziehung und sonderpädagogische Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen (VOSB) vom 30.12.2011. Doch entsprechen Gesetz und Verordnung der UN-Konvention?

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